Bei Aktionstag am Klinikum werden Lehrer in Wiederbelebung geschult
Freudenstadt. Rund 70.000 Menschen erleiden pro Jahr in Deutschland einen Herz-Kreislaufstillstand. Laut dem Deutschem Rat für Wiederbelebung überleben nur zehn Prozent der Betroffenen. Die Hälfte davon wird von Laien reanimiert. Um die Überlebenschancen zu steigern, ruft der Rat jedes Jahr den World Restart a Heart Day aus. Auch das Klinikum Landkreis Freudenstadt hat sich mit einer Weiterbildungsmaßnahme für Schulen am Aktionstag beteiligt.
Etwa einmal pro Woche trifft ein reanimierter Patient in der Notaufnahme am Klinikum Landkreis Freudenstadt ein. Ob er überlebt, hängt wesentlich davon ab, wie schnell er nach dem Stillstand wiederbelebt wurde. Nach drei bis fünf Minuten treten bereits irreversible Schäden ein. Rund neun Minuten braucht durchschnittlich ein Rettungswagen, um einzutreffen. Für Dr. Rudolf Reisinger, Oberarzt in der Kardiologie am Klinikum Landkreis Freudenstadt, ist deshalb klar: „Man kann bei der Reanimation nichts falsch machen.“ Außer man macht gar nichts.
Lehrer und Schulen als Multiplikatoren von Reanimationswissen
Gemeinsam mit seinen ärztlichen Kolleginnen Dr. Miriam Seiß, Jennifer Kloker und der Physician Assistent Francesca Giampietri sowie Roger Cornitzius vom Deutschen Roten Kreuz hat Dr. Reisinger die Freudenstädter Schulen anlässlich des Restart a Heart Day zu einem Reanimationstraining in das Cardiac Arrest Center am Klinikum Landkreis Freudenstadt eingeladen. Das Anliegen dahinter ist so einfach wie effektiv: „Lehrer sind Multiplikatoren. Sie geben die Kenntnisse an ihre Schüler weiter, diese tragen es nach Hause in ihr privates Umfeld“, fasst der Kardiologe zusammen. So verbreitet sich per Streueffekt das dringend benötigte Wissen im Bereich Laien-Reanimation. Bereits zum zweiten Mal hat das Klinikum zum Aktionstag ein Training für Schulen angeboten. Letztes Jahr waren es noch sechs Teilnehmende. Dieses Jahr waren es bereits 16. „Was uns besonders freut: Eine Teilnehmerin vom letzten Jahr hat dieses Mal weitere Kollegen mitgebracht“, erzählt Dr. Rudolf Reisinger. „Sie fand die Idee außerdem so gut, dass sie jetzt mit allen Einstiegsjahrgängen an der Schule ein Reanimationstraining durchführt.“
Keine Scheu – die einzige Gefahr ist das Nichtstun
Beim Aktionstag am Klinikum schilderten Dr. Reisinger und seine Kollegen in einem Einstiegsvortrag zunächst die Datenlage zum Thema Laien-Reanimation und gingen die Stufen der Erstversorgung in der Theorie durch. Danach machten die Teilnehmenden einen Besuch auf der Intensivstation, wo sie einen praktischen Einblick in die Folgeversorgung von Reanimationspatienten bekamen. Dann folgte in einem dritten Schritt das Herzstück des Trainingstags: Die Reanimationsübungen.
Das Interesse und die Motivation der Teilnehmenden waren sehr hoch. Einige hatten im privaten Umfeld schon Notfälle erlebt und erzählten von den Gefühlen der Unsicherheit, die sie in der Situation plagten. Beeindruckt waren die Ausbilder deshalb auch von den Praxisübungen. „Die neuen Kenntnisse wurden auf sehr hohem Niveau und ohne Scheu umgesetzt“, erzählt Dr. Rudolf Reisinger. Überhaupt ist das Ablegen der Scheu ein wichtiger Punkt. Fast jeder hat schon Schreckgeschichten gehört, von Laien, die bei einer Reanimation angeblich Rippen des Patienten gebrochen und bei der Druckmassage die Lunge perforiert hätten. Dr. Reisinger gibt hier deutliche Entwarnung. „Selbst wenn das passieren würde – eine Rippenfraktur ist in dieser Situation nicht relevant. Die Gefahr, die Lunge zu perforieren, ist gering und der Schaden wäre heilbar.“ Bei einer Reanimation hingegen kommt es auf die ersten Minuten an. „Alles ist besser als nichts zu machen“, betont der Kardiologe.
Steigendes Interesse = mehr gerettete Leben
Zumal Deutschland in Sachen Laien-Reanimation noch deutlich Potenzial nach oben hat. In skandinavischen Ländern liegt die Quote laut dem Deutschen Rat für Wiederbelebung bei über 80 Prozent. Grund ist laut Dr. Reisinger auch eine intensivere Schulungspflicht in diesen Ländern. Er freut sich deshalb sehr über das steigende Interesse der Lehrer an diesem Thema und das wachsende Angebot in den Schulen.
Im kommenden Jahr möchte das Klinikum Landkreis Freudenstadt wieder einen Aktionstag zum World Restart a Heart Day anbieten. Das Ziel von Dr. Reisinger und seinen Kollegen ist es, die diesjährige Teilnehmermarke nochmals zu überbieten. Noch in diesem Jahr ist der nächste Reanimationskurs geplant. Für einen Kurs im Landratsamt haben sich über 50 Mitarbeitende angemeldet. „Für weitere Anfragen sind wir offen“, fasst Dr. Reisinger zusammen. Die Trainingseinheiten werden von ihm und seinen Kollegen ehrenamtlich und in nichtkommerzieller Absicht angeboten.