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Wie wird ein Krankenhaus demenzfreundlich?

 

Zum Welt-Alzheimer-Tag präsentiert das Klinikum ein neues Projekt

Freudenstadt. 1,8 Millionen Demenzerkrankte gibt es laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft e.V. in Deutschland. Rund 2.200 sind es im Landkreis Freudenstadt, dazu jeweils etwa 4-5 mitbetroffene Angehörige, Tendenz steigend. Von 19. bis 28. September findet deshalb die bundesweite Woche der Demenz statt, an die sich am 21. September der Welt-Alzheimer-Tag anschließt. Sein Motto „Demenz – Mensch sein und bleiben“ ist auch Leitlinie für die Arbeit im DemenzNetz Landkreis Freudenstadt und im Klinikum Landkreis Freudenstadt.

Wie belastend und verstörend eine Demenz-Erkrankung für Betroffene und Angehörige ist, wird deutlich, wenn Dr. Klaus Rademacher, Oberarzt und Leiter des Geriatrischen Schwerpunktes am Klinikum Landkreis Freudenstadt, den Verlauf der Krankheit schildert: Eine Demenzerkrankung verändert die Menschen. Bei den Betroffenen lassen die geistigen Funktionen und Alltagsfähigkeiten allmählich nach. Gedächtnis, Denken, Orientierung, Sprache und Urteilsvermögen verschlechtern sich. Die Kontrolle der Gefühle und das Sozialverhalten können sich verändern, sehr zum Leidwesen der mitbetroffenen Angehörigen. Der vertraute Mensch scheint zu verschwinden – und ist doch immer noch da.

Projekt „Alters- und Demenzsensibles Krankenhaus“
Auch Kliniken stellt die Demenzerkrankung vor große Herausforderungen. Die Belastungen eines stationären Aufenthalts und die fremde Umgebung bergen für Menschen mit Demenz besondere Risiken, vor allem das eines Delirs. „Ein Delir ist eine akute Verwirrtheit, die zunächst jede Person betreffen kann,“ erklärt Alexander Menges MBA, Kommissarischer Chefarzt der Klinik für Psychiatrie am Klinikum.  Doch bei Menschen mit Demenz ist das Risiko ungleich höher und die Gefahr einer anhaltenden Verschlechterung des geistigen Gesundheitszustands groß. Am Klinikum Landkreis Freudenstadt wurde deshalb das Projekt „Alters- und Demenzsensibles Krankenhaus“ ins Leben gerufen.

Auf einer Pilotstation an der Schnittstelle von Innerer Medizin und Chirurgie ist eine demenzfreundliche Umgebung mit speziell ausgestatten Zimmern und Aufenthaltsräumen entstanden. „Hier versuchen wir, den Menschen eine Umgebung zu bieten, die möglichst nah an ihrer Alltagssituation ist“, erklärt Sonja Dieterle von der Stabstelle Pflegeentwicklung. „Es geht nicht darum, mit Bildchen eine schöne Umgebung zu gestalten, sondern Struktur zu geben“. Zu den wichtigen Instrumenten in der Delir Vorbeugung zählen unter anderem ein Kalender und eine Uhr im Patientenzimmer, die Tageszeitung im Aufenthaltsraum, die Einhaltung eines geregelten Tag-Nacht-Rhythmus sowie der Einbezug der Angehörigen. Der Aufenthaltsraum ist ein zentraler Ort, an dem gemeinsame Mahlzeiten eingenommen werden, Physio- und Ergotherapie stattfindet und Platz für Gespräche ist. Denn das Gemeinsame ist sehr wichtig. „Wenn man den ganzen Tag allein im Zimmer liegt und an die Decke starrt, entsteht zwangsläufig Chaos im Kopf“, weiß Dr. Rademacher. Unterstützt wird das Projekt von Helfenden, die für Aktivitäts- und Gesprächsangebote kommen. „Es muss kein vielschichtiges Angebot vorbereitet werden. Es ist schon hilfreich, wenn jemand auf die demenzbetroffenen Menschen zugeht und auf sie und ihre aktuellen Bedürfnisse eingeht – sie werden signalisieren, was ihnen in dem Moment gefällt und guttut“, so das Demenzteam um Menges, Rademacher und Dieterle unisono.

DemenzNetz Landkreis Freudenstadt
Das Entwickeln eines sensiblen Umgangs mit Menschen mit Demenz ist allgemein eine große Aufgabe. „Die Erkrankung ist nicht nur eine medizinische, sondern auch eine gesellschaftliche Herausforderung“, erklärt Dr. Klaus Rademacher. Jeder dritte Mensch über 85 ist von Demenz betroffen. Gemeinsam mit seinem Kollegen Alexander Menges MBA, initiierte er deshalb vor sechs Jahren das DemenzNetz Landkreis Freudenstadt. Durch die enge Zusammenarbeit unter Anderem mit Mitarbeitenden des Pflegestützpunktes wirken inzwischen 120 Institutionen aus dem Landkreis zusammen, die sich nicht nur zu medizinischen Aspekten austauschen – eine Entwicklung, auf die die Initiatoren sehr stolz sind. Dr. Rademacher und Herr Menges MBA geben ihre Erfahrungen aus der Netzwerkarbeit mittlerweile auch außerhalb des Landkreises weiter. „Das, was wir hier im Landkreis gemeinsam geschaffen haben, ist ganz besonders.“

Das DemenzNetz Landkreis Freudenstadt fördert nicht nur den fachlichen Austausch. Ein vielseitiges Unterstützungs- und Weiterbildungsangebot richtet sich auch an pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz. Im Rahmen von Aktionstagen und Veranstaltungen wird Bewusstsein für das Thema Demenz geschaffen. „Menschen mit Demenzerkrankung lösen bei Nachbarn, Freunden und Bekannten oft Unsicherheit und Berührungsängste aus“, weiß Dr. Rademacher. „Es ist deshalb wichtig, Aufklärung zu geben. Betroffenen hilft es sehr, wenn alle etwas mehr über die Krankheit wissen.“ Am 23. September wird es anlässlich der Welt-Alzheimer-Woche einen Infostand auf der Gartenschau Tal X geben.

Weitere Informationen
Die Angebote und Termine des DemenzNetz Landkreis Freudenstadt sind im Internet unter www.demenz-freudenstadt.de zu finden. Das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) bietet außerdem eine Broschüre an: „Vorbeugung von Delir bei älteren Menschen. Was man wissen sollte – und was man tun kann“.  Download über die Seite www.zqp.de.

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